Internationale Vergleichsstudie: “Finanzierung von Sozialen Innovationen”

27.10.2021

Die Barrieren, die man als Sozialunternehmer:in überwinden muss, sind unterschiedlich, aber der Zugang zu finanziellen Mitteln für Gründung, Wachstum und Skalierung stellt wohl die größte Hürde dar. Im Gegensatz zu rein renditeorientierten Unternehmen stehen öffentliche Innovationszuschüsse, privates Wagniskapital oder auch Bankdarlehen für innovative Sozialunternehmen kaum zur Verfügung.  

Wie unser aktu­el­ler Deut­scher Social Entre­pre­neurs­hip Monitor (DSEM) zeigt, sehen sich z. B. 90% der Sozi­al­un­ter­neh­men in Deutsch­land aktuell noch mit min­des­tens einem grund­le­gen­den Hin­der­nis bei ihrer Finan­zie­rung kon­fron­tiert. Dazu zählen bei­spiels­wei­se man­geln­de Früh­pha­sen- und Wachs­tums­för­de­rung, der erschwer­te Zugang zu staat­li­chen Zuschüs­sen oder Dar­le­hen, oder feh­len­de lang­fris­ti­ge stille Beteiligungen. 

„Der Zugang zu Finan­zie­rung gehört zu den größten Schwie­rig­kei­ten von Sozi­al­un­ter­neh­men. Bei den gewal­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen, die wir als Gesell­schaft haben, ist es endlich an der Zeit, dass soziale und öko­lo­gi­sche Kri­te­ri­en bei der Inno­va­ti­ons­för­de­rung stärker berück­sich­tigt werden, damit die Wirkung von Sozia­len Inno­va­tio­nen ska­lie­ren kann.“
Katrin Else­mann, Geschäfts­füh­re­rin Social Entre­pre­neurs­hip Netz­werk Deutsch­land e.V.  

Dabei haben Soziale Inno­va­tio­nen an sich in den letzten Jahren in Deutsch­land enorm an Stel­len­wert gewon­nen. Nicht nur hat im Mai 2020 der Deut­sche Bun­des­tag erst­mals einen Antrag zu Sozia­len Inno­va­tio­nen beschlos­sen, auch 9 Bun­des­mi­nis­te­ri­en ver­öf­fent­lich­ten im ver­gan­ge­nen August ein Res­sort­kon­zept zu Sozia­len Inno­va­tio­nen. Doch wirk­lich konkret wurde es bisher nicht. Und oft scheint es, als haben viele der Entscheidungsträger:innen auch ihre Zweifel, ob so eine Finan­zie­rung über­haupt möglich ist.  

Mit der nun erschie­ne­nen Studie „Finan­zie­rung von Sozia­len Inno­va­tio­nen, die wir gemein­sam mit dem CSI Hei­del­berg ver­öf­fent­licht haben, zeigen wir, dass das sehr wohl geht! Basie­rend auf inter­na­tio­na­ler Evidenz aus 10 Ländern beschreibt die Studie, wie die Finan­zie­rungs- und För­der­instru­men­te für Soziale Inno­va­tio­nen aus­se­hen können, und welchen Rahmen dabei die Politik setzen muss.  

„Die nach­hal­ti­ge Trans­for­ma­ti­on besteht in Wirk­lich­keit aus einer Reihe vieler kleiner Trans­for­ma­tio­nen. Dafür braucht es inno­va­ti­ve Unternehmer:innen und Investor:innen. Für diese Akteure braucht es zusätz­li­ches Kapital, um sie in ihren Inno­va­ti­ons­be­stre­bun­gen aktiv zu unter­stüt­zen. Im Ver­gleich zu anderen Ländern hat Deutsch­land aller­dings noch einiges an Auf­hol­be­darf. Für die nächste Bun­des­re­gie­rung müssen ziel­grup­pen­spe­zi­fi­sche Finan­zie­rungs- und För­der­instru­men­te daher ganz oben auf der poli­ti­schen Agenda stehen.“
Dr. Frank Nie­der­län­der, Vor­stand der Bun­des­in­itia­ti­ve Impact Inves­ting / Mit­glied des Vor­stands der BMW Foun­da­ti­on Herbert Quandt 

Dazu ist es wichtig, Soziale Inno­va­tio­nen in ihrer Kom­ple­xi­tät zu ver­ste­hen und Finan­zie­rungs­struk­tu­ren anhand ihrer Hete­ro­ge­ni­tät aus­zu­rich­ten. Dabei wird dann schnell deut­lich, dass die Per­spek­ti­ve des klas­si­schen Venture Capital, welche ein „Invest­ment pro Start-Up“ ver­folgt, weniger hilf­reich ist. 

Emp­feh­lens­wert laut inter­na­tio­na­ler Evidenz sind die fol­gen­den Stra­te­gien:  

  1. Pro­zess­ori­en­tie­rung anstatt ein­zel­ner Maß­nah­men: Die Finan­zie­rung Sozia­ler Inno­va­tio­nen ist ein Prozess, kein sta­ti­sches System. Finan­zie­rungs­in­stru­men­te sollten sich daher am Lebens­zy­klus von Sozia­len Inno­va­tio­nen ori­en­tie­ren und sowohl in der Früh­pha­se als auch der Wachs­tums­pha­se von Sozi­al­un­ter­neh­men anset­zen.  
  2. Finan­zie­rung in Abhän­gig­keit des Geschäfts­mo­dells: Sozi­al­un­ter­neh­men und auch andere Akteure, die Soziale Inno­va­tio­nen vor­an­brin­gen, sind höchst unter­schied­lich, von gemein­nüt­zig bis gewerb­lich, mit sehr unter­schied­li­chen, oft hybri­den Ertragsmodellen.
  3. Nicht-mone­tä­re För­de­rung und Netz­wer­ke: Nicht-mone­tä­re För­der­an­ge­bo­te spielen eine größere Rolle als bei kom­mer­zi­el­len Unter­neh­men. Dabei geht es nicht nur um Know-how in Bezug auf ver­schie­de­ne Finan­zie­rungs­mög­lich­kei­ten, sondern auch um Wir­kungs­mes­sung sowie die Ver­net­zung mit Ska­lie­rungs­part­nern aus anderen Sek­to­ren, wie der öffent­li­chen Ver­wal­tung, Wohl­fahrt oder der klas­si­schen Wirt­schaft, die die Sozia­len Inno­va­tio­nen über bestehen­de Systeme in die Breite tragen können.
  4. Sozial-Öko­lo­gi­sche Wirkung ganz­heit­lich betrach­ten: Die För­de­rung von Sozia­len Inno­va­tio­nen ist kein Selbst­zweck, sondern trägt zur Lösung gesell­schaft­li­cher Her­aus­for­de­run­gen bei. Daher müssen För­der­pro­gram­me und ‑stra­te­gien in ihrer Aus­ge­stal­tung in erster Linie an der Erzie­lung gesell­schaft­li­cher Wirkung ori­en­tiert sein und ent­spre­chen­de Werk­zeu­ge zur Wir­kungs­mes­sung berück­sich­ti­gen.  

Basie­rend auf diesen Stra­te­gien haben inter­na­tio­nal unter­schied­li­che poli­ti­sche Instru­men­te für die ver­schie­de­nen Phasen und Model­len von Sozi­al­un­ter­neh­men eine hohe Wirk­sam­keit gezeigt. Bei­spiel­halft seien hier die fol­gen­den Maß­nah­men genannt: 

  • Steu­er­li­che Anreize oder Impact Prämien: Der Staat kann private Inves­ti­tio­nen durch Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen oder Prämien attrak­ti­ver zu machen. Solche Anreize müssten an klaren Wir­kungs­kri­te­ri­en gebun­den sein.
  • Garan­tien: Staat­li­che Aus­fall­ga­ran­tien könnten zur Risi­ko­min­de­rung der Inves­to­ren bereit­ge­stellt werden.  
  • Pay-by-Results-Prinzip: Um die Wir­kungs­ma­xi­mie­rung zu fördern, wird pri­va­tes Kapital mobi­li­siert, welches das Risiko für die Neu­ent­wick­lung von Ansät­zen tragen soll und nur im Erfolgs­fall vom Staat zurück­ge­zahlt wird. Erfolg wird dabei anhand von gemein­sam fest­ge­leg­ten Wir­kungs­zie­len bemessen.
  • Social Pro­cu­re­ment / Sozial-nach­hal­ti­ge Beschaf­fung: Der öffent­li­che Sektor kann das Beschaf­fungs­we­sen so umor­ga­ni­sie­ren, dass es an sozia­len und öko­lo­gi­schen Kri­te­ri­en von Orga­ni­sa­tio­nen ori­en­tiert ist. Das würde nicht nur Markt­ein­kom­mens­mög­lich­kei­ten für Sozi­al­un­ter­neh­men gene­rie­ren, sondern die Wir­kungs­ori­en­tie­rung von Unter­neh­men ins­ge­samt erhöhen. 

Mit diesen Instru­men­ten lassen sich erprob­te Finanz­ve­hi­kel ver­knüp­fen (Dar­le­hen, Grants, Nicht-markt­ba­sier­te Blended-Finance Instru­men­te, Social Impact Bonds, Com­mu­ni­ty Bonds, aber auch klas­si­sche Markt­ba­sier­te Blenden Finance-Instru­men­te), deren Prin­zi­pi­en wir in der Studie genau erläu­tern und die auch in Deutsch­land zur För­de­rung von Sozia­len Inno­va­tio­nen Anwen­dung finden können.  

Deutsch­land hat die Gele­gen­heit von der sys­te­ma­ti­schen Auf­ar­bei­tung der Erfah­run­gen aus 10 Ländern und einem Plan zur Umset­zung eines effek­ti­ven För­der­sys­tems für Soziale Inno­va­tio­nen zu pro­fi­tie­ren, um damit eine Vor­rei­ter­rol­le ein­zu­neh­men. Jetzt gilt es in die kon­kre­te Umset­zung zu kommen. Wir hoffen, dass sich poli­ti­sche Entscheidungsträger:innen nun in den Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen von diesen Erkennt­nis­sen nicht nur inspi­rie­ren lassen, sondern sich, gemein­sam mit einem breiten Spek­trum von Sta­ke­hol­dern, für eine ganz­heit­li­che Soziale Inno­va­ti­ons­stra­te­gie sowie die prak­ti­sche Imple­men­tie­rung von För­der­maß­nah­men ein­set­zen.  

Ein großer Dank geht an die BMW Foun­da­ti­on Herbert Quandt sowie die Euro­päi­sche Union mit dem Projekt Kom­pe­tenz­zen­trum für Soziale Inno­va­tio­nen, die diese wich­ti­ge Studie finan­zi­ell ermög­licht haben.  

Finanzierung von Sozialen Innovationen

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Ansprechpartnerin

Katrin Elsemann
Geschäftsführerin

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