Die Institutionalisierung des Social Entrepreneurships in Deutschland

05.03.2020 | news

Für einen besseren Wissenstransfer aus Universitäten und Hochschulen in die Praxis bieten wir Wissenschaftlerinnen die Möglichkeit Ihre Erkenntnisse über einen Gastbeitrag in unserem Blog vorzustellen. Die darin enthaltenen Standpunkte sind nicht zwingend die Meinung von SEND und sollen zur Inspiration und weiteren Entwicklung des Sektors beitragen.

Dieser Beitrag wurde von Arian Ajiri geschrieben. Er hat in Bayreuth studiert, war währenddessen im Rahmen von Enactus Bayreuth e. V. selbst an der Konzipierung eines Sozialunternehmen beteiligt und macht zur Zeit ein Praktikum bei unserem Mitglied Social-Bee. Wir haben ihm 3 Fragen zu seiner Bachelorarbeit gestellt, die er geschrieben hat zum Thema: "Die Institutionalisierung des Social Entrepreneurships in Deutschland: Eine Analyse anhand W. R. Scotts Drei-Säulen-Modell".

Viel Spaß beim Lesen!

Was hast Du untersucht?

Ich habe den Status Quo im Institutionalisierungsprozess des Social Entrepreneurships in Deutschland untersucht. Ich wollte sehen, wie sich das Social Entrepreneurship momentan in die Strukturen unserer Gesellschaft eingliedert und welche Faktoren förderlich bzw. welche hinderlich für die Eingliederung sind. Dafür habe ich verschiedene wissenschaftliche Arbeiten analysiert und mit mehreren Social Entrepreneuren und Förderern des Social Entrepreneurships gesprochen.

Dabei habe ich mich am Drei-Säulen-Modell des Soziologen Walter Richard Scott orientiert. Vereinfacht ausgedrückt sagt seine Theorie, dass Institutionen als gesellschaftliche Strukturen aufgefasst werden können, die auf drei sich gegenseitig beeinflussenden Säulen stehen: der regulativen, der normativen und der kulturell-kognitiven Säule.

Die regulative Säule beschreibt formelle und informelle Regeln, die absichtsvoll Einfluss auf das Handeln von Akteuren nehmen. Dazu gehören Gesetze, Verordnungen und Vorschriften. Für meine Arbeit war in dieser Hinsicht besonders interessant, wie der rechtliche Rahmen gesetzt ist, in dem sich die Sozialunternehmen bewegen und welchen Einfluss die Politik der letzten Jahre auf ihn hatte.

Die normative Säule umfasst normative Regeln, die eine stabile Gesellschaftsordnung sichern, indem sie die Angemessenheit sozialen Verhaltens festlegen. In dieser Hinsicht habe ich unter anderem untersucht, welche Normen das Sozialsystem in Deutschland prägen und wie sich diese auch auf Sozialunternehmen auswirken. Die Präsenz der Wohlfahrtsorganisationen und ihre Verbindung zur Politik nehmen hier einen besonderen Stellenwert ein. Auch die Bedeutung der Intermediäre, wie z. B. SEND, die KfW Stiftung oder die Hilfswerft, die das Social Entrepreneurship mit ihren Handlungslogiken fördern, waren Untersuchungsgegenstand meiner Arbeit.

Bei der dritten Säule, der kulturell-kognitiven Säule, geht es um die gemeinsame Wahrnehmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Der Unterschied zur normativen Säule ist, dass es nicht um bewusste Normen und Werte geht, sondern um unreflektierte Verhaltensweisen. Diese entstehen aufgrund der kulturellen Prägung, die das Denken in unserer Gesellschaft beeinflusst. In diesem Zusammenhang war mir wichtig aufzuzeigen, warum das komplexe Thema Social Entrepreneurship als Querschnittsthema selten in seiner Gesamtheit erfasst wird. Außerdem bin ich auf die Rolle des Postmaterialismus in Deutschland, also der Orientierung nach ideellen Werten, eingegangen.

Was sind Deine wichtigsten Erkenntnisse für Social Entrepreneurship?

In Deutschland befindet sich der Social Entrepreneurship-Sektor in einer frühen Definitionsphase, in der es eine geringe Einheitlichkeit gibt. Sein Institutionalisierungsprozess ist in starkem Maße vom Umfeld abhängig, in dem er sich befindet. Beispielweise gibt es starke Beziehungen zwischen Wohlfahrtsverbänden und Kommunen, die es Sozialunternehmen erschweren, sich zu etablieren. Diese Strukturen scheinen sich jedoch allmählich zu öffnen. Zudem ist der rechtliche Rahmen anpassungsbedürftig.

Im Allgemeinen handeln die drei Sektoren der Organisationsgesellschaft – also der Staat, die Erwerbswirtschaft und der Nonprofit-Sektor – nach ihren jeweils eigenen Prinzipen und Normen. Das Social Entrepreneurship als Querschnittsthema und Hybridform hat Schwierigkeiten, sich in diesem Normengeflecht zu positionieren. Förderungen und Kooperationen werden dadurch erschwert. Das große Problem ist letztlich, dass bei der Entwicklung sozialer Innovationen nicht hinreichend vernetzt gedacht und gehandelt wird, sodass Social Entrepreneurship zu kurz kommt.

Dennoch hat Social Entrepreneurship als Lösungsinstrument für gesellschaftliche Herausforderungen großes Potential. Dies wird zunehmend von der Politik und weiteren Akteuren der Organisationsgesellschaft erkannt. Zugleich wird in der Gesellschaft, insbesondere bei der jüngeren Generation, ein Handlungsbedarf angesichts aktueller und zukünftiger Probleme gesehen. Aufgrund der geringen Bekanntheit des Konzeptes wird dieses Potential jedoch noch nicht hinreichend ausgeschöpft. Hier leisten die Intermediäre einen wichtigen Beitrag, um Social Entrepreneurship ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken.

Wo siehst du Handlungsbedarf bei der Politik?

Wie ich bereits angedeutet habe, ist der aktuelle rechtliche Rahmen, in dem sich die Sozialunternehmen bewegen, in vielerlei Hinsicht hinderlich. Zwar gibt es durch das Gemeinnützigkeitsrecht ein gutes Instrument – dieses ist aber nicht mehr zeitgemäß und bringt einige Schwierigkeiten mit sich. Das Gemeinnützigkeitsrecht sollte auf unsere aktuellen globalen Herausforderungen angepasst werden. So könnte es beispielsweise sinnvoll sein, das Erzielen von Erträgen in Sozialunternehmen zuzulassen, sofern diese in die Lösung von gesellschaftlichen Herausforderungen reinvestiert werden. Außerdem sollte die nachgewiesene willkürliche Auslegung der Finanzämter bei der Erteilung der Gemeinnützigkeit angegangen werden.

Zudem könnte eine eigene Rechtsform Vorteile bringen. Sie hätte nicht nur eine Signalwirkung, sondern könnte auch dazu beitragen, Standards, etwa im Reporting, zu etablieren. Es müsste jedoch sichergestellt werden, dass auf die besonderen Bedürfnisse der Sozialunternehmen eingegangen wird. Eine zu starke Standardisierung kann nämlich zu Statik und einem erhöhten bürokratischen Aufwand führen und Einschränkungen im freien Wettbewerb, in der Kreativität und der Innovativität verursachen. Hier ist eine enge Kommunikation der Politik mit dem Social Entrepreneurship-Sektor nötig.

Allgemein muss ein engerer Anschluss sowohl an den Nonprofit-Sektor als auch an die Erwerbswirtschaft gelingen. Um eine Annäherung zu erleichtern, kann die Politik dafür sorgen, dass der Stellenwert der sozialen Rendite gegenüber der finanziellen Rendite gestärkt und z. B. als Kriterium zur Bereitstellung finanzieller Mittel hinzugezogen wird. Darüber hinaus könnte die gesellschaftliche Wirkung einer Organisation durch einheitliche Social Reporting Standards, die die soziale Rendite berücksichtigen, vergleichbar gemacht werden. Ein solches Reporting könnte beispielsweise kommunizieren, wie vielen Menschen durch die Tätigkeiten geholfen bzw. nicht geholfen wurde. Für ein gutes Gelingen müssen aber natürlich alle Seiten aufeinander zugehen und mehr Zusammenarbeit anstreben.

Außerdem scheint mir wichtig, dass Social Entrepreneurship als Querschnittsthema behandelt wird und die Zuständigkeit in Zukunft nicht mehr bei einem einzelnen Bundesministerium liegt, sondern alle relevanten Ministerien betrifft. Hier könnte ein*e Koordinator*in im Bundeskanzleramt unterstützen. Eine solche Stelle würde auch dazu beitragen, das Thema Social Entrepreneurship in die öffentliche Wahrnehmung zu rücken und auf diese Weise den notwendigen gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen. Die nationale Politik scheint den Reformbedarf allmählich zu erkennen und in Fahrt zu kommen. Vielversprechende Maßnahmen wurden bislang jedoch noch nicht umgesetzt.

Habt Ihr Fragen an Arian? Dann schreibt ihm gern: [email protected].

Du forschst auch zu Social Entrepreneurship und/oder Sozialen Innovationen? Schicke uns gerne weitere Informationen zu Deiner Arbeit. Vielleicht passt es ja auch für einen Gastbeitrag bei uns im Blog.