Frauen gründen in einem Bereich genauso häufig wie Männer

26.02.2020 | news

Ende letzten Jahres hat eine Studie der Boston Consulting Group für Wellen in der Startup Welt gesorgt. Laut dieser Studie gingen in den letzten 10 Jahren nur 4% der Gründungen von Frauen hervor. Besonders bemerkenswert allerdings dabei: von Frauen gegründete Startups „holen aus jedem investierten Euro mehr als doppelt so viel heraus“, sie orientieren sich häufiger an gesellschaftlichen Problemstellungen und achten stärker auf die Profitabilität ihres Unternehmens als auf ein kapitalintensives, schnelles Wachstum.

Nun kommt eine weitere Studie hinzu. Das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND) führt jährlich eine Befragung unter Sozialunternehmer*innen durch. Laut des gerade erschienenen Deutschen Social Entrepreneurship Monitor (DSEM) werden ganze 46% der Social Startups in Deutschland von Frauen gegründet. Social Startups sind Unternehmen, die vorwiegend eine positive soziale oder ökologische Wirkung erzielen wollen, aber auch eine tragfähige Finanzierung anstreben: „The best of both worlds“ könnte man sagen. Also gründen Frauen doch – nur gründen sie anders. Wie passt das denn alles zusammen?

Was wir von Unternehmerinnen lernen können

Frauen gründen zwar weniger häufig, aber wenn sie gründen, lösen sie häufig damit gesellschaftliche Probleme. Wenn man sich umschaut, sind das genau die Unternehmen, die wir gerade brauchen. Wir brauchen ganz dringend neue Wege, um die Herausforderungen des Klimawandels zu bewältigen und unsere demokratischen Werte zu stärken. Wir brauchen kein „Business As Usual“ sondern Unternehmen, Gründer*innen und Mitarbeiter*innen, die den Status Quo genau hinterfragen. Social Entrepreneurs etwa, das zeigen die Zahlen im DSEM, binden ihre Mitarbeiter*innen bei strategischen Entscheidungen ein (84,2%), reinvestieren ihr Gewinne in den Zweck ihrer Organisation (81,6%) und berücksichtigen Aspekte der Fairness und Nachhaltigkeit in ihren Lieferketten (94,3%). Wie kann man also diese Entwicklung fördern?

Für das Buch „Starting a Revolution. What we can learn from female entrepreneurs about the future of business“ haben Lisa Jaspers und ich viele Frauen interviewt, die genau das tun: erfolgreiche Businesses aufbauen und sich trotzdem (oder gerade deshalb) nicht dem Status Quo beugen. Stephanie Shirley zum Beispiel, hat ein Tech Startup in den 60ern gegründet und nur Frauen beschäftigt, die wegen Diskriminierung sonst keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hatten. Sie hat die Mehrheit ihrer Anteile, inklusive Stimmrechte, an ihre Mitarbeiter*innen aus der Überzeugung abgetreten, dass sie am Gewinn und an Entscheidungen beteiligt sein sollen. Sehr viele von den Hunderten von Mitarbeiter*innen sind wegen des riesigen finanziellen Erfolgs des Unternehmens sogar Millionäre geworden. Was uns während der Recherche zum Buch allerdings aufgefallen ist: wenn man die Dinge anders machen möchte, gibt es häufig systemische Hindernisse, die einem den Weg erschweren.

Die Hindernisse für Sozialunternehmerinnen

Social Entrepreneurship an sich ist – in Deutschland zumindest – ein relativ junges Feld. Es entwickeln sich gerade Ökosysteme, Förderinstrumente und Netzwerke und der Sektor wächst rasant. 75% der Social Startups sind laut DSEM zwischen 2014 und 2019 gegründet worden. Neue Förderprogramme öffnen sich auch langsam für Social Startups, die bisher vor allem klassischen Startups und Gründer*innen zugänglich waren. Einige Ministerien haben bereits eigene Fördertöpfe für Social Startups im Blick, wenn auch mit deutlich weniger Geld ausgestattet - obwohl Social Startups immense Vorteile und Ersparnisse für den Staat versprechen können. Dennoch sind die Unterstützungsangebote nicht ausreichend.

Impact Investments sind häufig ein weiteres Förderinstrument. Auch hier ist das verfügbare Kapital deutlich weniger als bei traditionellen Investments. Zusätzlich belegen Studien schon seit Jahren, dass Frauen an vielen Stellen im Investment Prozess benachteiligt sind. Eine Studie von Columbia Business School in New York weist neuerdings erneut nach, dass Frauen zum Beispiel andere Fragen beim Pitchen gestellt bekommen als Männer. Wobei Männer 2/3 “Promotion”- Fragen gestellt bekommen, werden Frauen 2/3 sogenannter „Prävention“- Fragen gestellt. Je mehr „Prävention“ Fragen ein*e Gründer*in beantwortet desto weniger Geld erhalten sie. Bei dieser Studie bedeutete das 3,8 Millionen USD weniger Investition pro Frage. Viele weitere Studien kommen zum gleichen Schluss: Sozialunternehmerinnen werden im Investment Prozess quasi doppelt benachteiligt.

Fest steht: Frauen leiten bereits viele Sozialunternehmen, NGOs, Bewegungen und sind Aktivistinnen. Wenn wir mehr Unternehmerinnen sehen möchten, müssen wir Frauen nicht „ermutigen“ ein Startup zu gründen, sondern müssen ganz einfach die Rahmenbedingungen für die Gründungen von Social Startups verbessern und zwar immer auch mit einer Gender-Lupe. Denn wir brauchen genau diese Unternehmen, die Frauen bereits schon sehr überzeugend und pionierhaft gründen – trotz Hindernissen bei der Finanzierung und an vielen andere Stellen.

Stellen wir uns vor, Politiker*innen und Investor*innen würden ernsthaft die systemischen Hindernisse abbauen, die Gründer*innen und Sozialunternehmer*innen insgesamt ausgesetzt sind. Und sie würden diesen Unternehmer*innen genau so viel Aufmerksamkeit und Geld schenken, wie sie es bei herkömmlichen Startups und Unternehmen aktuell tun. Wie würde die Welt dann aussehen?

Autorin:

Naomi Ryland ist Gründerin von tbd*, dem digitalen Zuhause für Menschen, die auf der Suche nach einem Job mit Sinn sind. Außerdem ist sie Mitherausgeberin des Buches “Starting a revolution” und hat SEND zwei Jahre ehrenamtlich im Vorstand unterstützt.