Fortschritt ist nicht nur Technik – warum wir mehr Gründungszentren für Soziale Innovation brauchen

19.02.2020 | news

Gründung und Startups vertragen sich gut mit Innovation. Leider wird letztere in Deutschland oft noch unter rein technologischem Blickwinkel betrachtet. Social Startups haben es mit ihren Ansätzen ungleich schwerer, als „innovativ“ wahrgenommen und unterstützt zu werden.

In Deutschland gibt es 70 Industrie- und Handelskammern und über 160 Gründungs- und Innovationszentren, die sich der Förderung von innovativen Gründungen und einem verbesserten Transfer von Erkenntnissen aus Wissenschaft und Forschung verschrieben haben. Diese Institutionen leisten auf dem Gebiet der Förderung von technisch-innovativen Unternehmen einen wertvollen Beitrag. Bei der Förderung von Social Startups, also Gründungen, die sich die Lösung einer gesellschaftlichen Herausforderung zum Ziel gesetzt haben, ist hingegen noch viel Luft nach oben. So berichten immer wieder Gründer*innen, dass sie bei der Anfrage nach Unterstützung und Beratung z.B. bei einer IHK oder anderen Gründungsberatung abgelehnt wurden, weil sie ja „was Soziales machen“ oder die Frage nach der richtigen Aufstellung des Wirkungsmodells auf Ratlosigkeit stieß. Denn noch immer gehen in vielen Köpfen und Strukturen soziale Tätigkeit und wirtschaftlicher Betrieb nicht zusammen.

Genau dieses Silodenken erschwert die Umsetzung sozialer Innovationen. Zum einen sind die Geschäftsmodelle und Einkommensströme nicht so leicht erklärbar und eingängig wie bei einer reinen Produktinnovation: wer gesellschaftliche Missstände beheben möchte, zielt oft auf eine Gruppe von Wirkungsempfängern ohne jede Kaufkraft. Dies bedeutet, dass man eine - in vielen Fällen - kreative Art der Querfinanzierung benötigt und sich Sozialunternehmen oft aus ganz unterschiedlichen Quellen finanzieren.Eine Möglichkeit sind Förderungen von Stiftungen oder öffentliche Projektgelder. Im DSEM berichten jeweils über 40% der Social Entrepreneurs, dass sie Geld durch Stiftungen oder öffentliche Einrichtungen des Landes und der Kommunen verdienen (inkl. Spenden).

Mehr als nur ein Produkt – ein Eingriff ins System

Zum anderen ist es bei Social Startups oft nicht einfach mit der Gründung an sich getan. Die Geschäftsaktivitäten gehen über reine Dienstleistung und Produktverkauf hinaus und bewegen sich hinein in das Feld systemischer Veränderungen. So prallen etwa Startups, die sich im Gesundheits- und Pflegebereich engagieren, schnell an die Grenzen gesetzlicher Vorgaben bei den Institutionen, die sie eigentlich dringend für die Zusammenarbeit und den Aufbau ihrer Unternehmung benötigen – Krankenkassen, Wohlfahrtseinrichtungen, Verwaltung, Politik. Ganz schnell gerät man von der eigenen Gründung in grundlegende gesellschaftspolitische Gewässer und sieht sich plötzlich mit der Notwendigkeit von Lobbyarbeit konfrontiert. Dies zeigt auch das große Bedürfnis der Social Entrepreneurs nach stärkerer Lobbyarbeit im DSEM. (65,6% sehen das als bedeutsam) Denn systemische Veränderungen schafft man nicht allein, sondern nur im Verbund mit unterschiedlichsten Partnern, die ihre Erfahrungen und Perspektiven teilen und offen für Experimente und Veränderung sind.

Diese für soziale Innovationen elementaren sektorübergreifenden Partnerschaften scheitern aber oft daran, dass sie Zeit brauchen und nicht finanziert werden. SEND versucht hier als Verband, auf institutioneller Ebene Kooperationen einzugehen, um die Hürden zwischen den Sektoren abzubauen und für die Mitglieder einen schnelleren und leichteren Zugang zu bestimmten Akteuren zu schaffen.

Denn wenn etwas Social Entrepreneurs auszeichnet, dann ihre Innovationskraft. Laut dem DSEM 2019 bezeichnen 75 % der Teilnehmenden ihr Wirkungsmodell als innovativ, also die Art und Weise, wie sie gesellschaftliche Lösungen erreichen wollen. Geschäftsmodell und Prozesse werden jeweils von über der Hälfte der Antworten genannt, bei Unternehmensführung und Lieferkette ein gutes Drittel. Da ist es umso bitterer, dass staatliche Förderprogramme wie EXIST für Social Entrepreneure ohne einen technologischen Schwerpunkt nicht zugänglich sind. Die derzeit noch wenigen Akteure, die SocEnts unterstützen (vgl. S.71 im DSEM) sind meist private Organisationen, die selbst ständig um ihre Finanzierung kämpfen müssen. Kleine Leuchttürme sind das Social Innovation Center Hannover, das im Rahmen eines ESF-Projektes zwei Jahre lang mit der städtischen Wirtschaftsförderung Social Entrepreneurs in der Gründungsphase unterstützt hat. In Mönchengladbach unterstützt ebenfalls die Wirtschaftsförderung ein Social Impact Lab, in Mannheim wurde Anfang des Jahres ein Social Innovation Hub eröffnet und Dortmund steht in den Startlöchern. Solch eine Zusammenarbeit mit den Kommunen ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer gebündelten und professionellen Unterstützung für sozial innovative Unternehmen. Das 2020 gestartete Förderprogramm des BMWi stellt eine Förderrunde fürwirkungsorientierte Innovationen in Aussicht und könnte ein erster bundesweiter Baustein werden - lässt allerdings bisher eine strukturelle Förderung vermissen.

Kein Wunder, dass auch im zweiten DSEM die Politik für ihre Unterstützung nur die Note 4,6 bekommen hat – es fehlt an strategischer Koordination und klaren Zuständigkeiten für dieses Querschnittsthema.

Wir wollen gemeinsam mit der Politik und anderen Akteuren aus dem Sektor auf eine Soziale Innovationsstrategie für Deutschland hinarbeiten, die Gründer*innen mit gesellschaftlichem Anspruch die bestmögliche Unterstützung bieten kann. Dann klappt’s auch mit den Noten!

Autorin: Birgit Heilig ist Gründungsmitglied und seit 2017 im Vorstand von SEND. Seit 2018 ist sie Co-Standortleiterin des Social Impact Lab Frankfurt und arbeitet nebenbei als Lehrbeauftragte an verschiedenen Hochschulen.