Genossenschaften im digitalen Zeitalter

28.01.2020 | news

Was wäre, wenn Bürger\innen sich zusammentun, um die Energiewende selbst in die Hand zu nehmen? Was wäre, wenn wir Ressourcen bündeln, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und unsere Nachbarschaft mitzugestalten? Was wäre, wenn die Nutzer*innen digitaler Plattformen selbst entscheiden, was mit ihren Daten passiert?*

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts haben die Gründer der Genossenschaftsbewegung die Kraft des gemeinsamen Wirkens erkannt. Das unternehmerische Lösen gesellschaftlicher Herausforderungen machte sie zu Pionieren des Sozialunternehmertums. Die Idee dahinter: Durch Kooperation erreicht man mehr als allein.

Als wichtiges Element unserer sozialen Marktwirtschaft wurde die Genossenschaftsidee Ende 2016 als immaterielles UNESCO Weltkulturerbe anerkannt. Die rund 7.800 Genossenschaften in Deutschland zählen 22,7 Mio. Mitglieder – Aktionäre gibt es im Vergleich nur halb so viele. Doch welche gesellschaftliche Relevanz haben Genossenschaften in der heutigen Zeit? Neben bürgerschaftlich organisierten Energie- und Wohnungsgenossenschaften bergen genossenschaftlich organisierte Lösungen auch im digitalen Bereich ein großes Potenzial.

Durch die rasante Digitalisierung entwickelt sich unsere Wirtschaft immer stärker zu einer Plattformökonomie. Plattformen nehmen dabei die Rolle von zentralen Vermittlern zwischen Endkonsumenten und Produzenten ein. Je größer die Plattform, desto attraktiver für die Nutzer*innen. Durch diese sogenannten Netzwerkeffekte bilden sich Monopole – wie Facebook, Uber und Amazon - die zur zentralen Infrastruktur unseres digitalen Zusammenlebens werden. Wie können Genossenschaften zu einer gemeinwohlorientierten Gestaltung der digitalen Welt beitragen und was macht sie aus? Genossenschaften dienen in erster Linie den Interessen ihrer Mitglieder und sind damit nicht auf die Profitmaximierung einzelner Shareholder ausgelegt. Sie sind also per Definition zweckgebundene Unternehmen, mit dem Potenzial eine (Plattform-)Ökonomie voranzutreiben, über die nicht externe Investoren, sondern die Nutzer*innen selbst entscheiden.

Prof. Trebor Scholz - Gründer des Institute for the Cooperative Digital Economy, The New School, NYC

Durch das Erwerben eines Genossenschaftsanteils erhält man als Mitglied eine Stimme und kann mitgestalten. Ähnlich wie beim Crowdfunding können so gemeinschaftlich Lösungen entwickelt werden, die im Alleingang nur durch große Investoren und Machtzentralisierung erreicht werden können. Genossenschaften bergen also auch in der heutigen Zeit ein enormes Potenzial für eine sozial-ökologische Transformation durch Digitalisierung, Bürgerbeteiligung und dezentrale Versorgungsstrukturen. Doch um die gesellschaftlichen Herausforderungen der digitalen Zeit zu lösen, muss auch das Potenzial der Rechtsform in das neue Zeitalter gehoben werden. Wenn man heute eine Genossenschaft gründen will, trifft man oft auf bürokratische Hindernisse und analoge Prozesse.

Florian Kollewijn - Vorstand der Chancen eG

In unserem aktualisierten Positionspapier zum Thema Genossenschaften haben wir deshalb die dringlichsten Herausforderungen sowie den politischen Handlungsbedarf aufgeführt und hier kurz zusammengefasst. Zum einen wird im Koalitionsvertrag explizit erwähnt, die deutschen und europäischen Akteure der Plattformökonomie durch den Abbau vorhandener Hemmnisse zu stärken. Das erfordert unter anderem einen Bürokratieabbau und die Digitalisierung bestehender Prozesse der Genossenschaftsgründung. Im Sinne der Blockchainstrategie der Bundesregierung sollte zudem die Anwendung dezentraler Technologien mit Fokus auf digitalen Beteiligungsformen getestet werden. Konkrete Handlungsempfehlungen sind u.a. die Ermöglichung eines digitalen Beitritts von Genossenschaften sowie transparente Informationsbereitstellung und der Bürokratieabbau im Gründungsprozess. 

Zudem bedarf es Inkubations- und Experimentierräume. Genossenschaften sind bei vielen (jungen) Gründer*innen nicht bekannt und werden oft nicht als relevante Rechtsform in Erwägung gezogen. In klassischen Startup Inkubatoren und Akzeleratoren gibt es ein ungenügendes Beratungsangebot und keine zielgruppenorientierten Programme.

Darüber hinaus stehen öffentliche Finanzierungsinstrumente genossenschaftlichen und gemeinwohlorientierten Gründer*innen nicht im gleichen Ausmaß zur Verfügung. Gerade der Aufbau digitaler Plattformen ist kapitalintensiv. Um die Unabhängigkeit von Shareholdern zu gewährleisten, müssen neue Finanzierungsmodelle entwickelt und bestehende Innovationsförderungen für kooperative Wirtschaftsmodelle und soziale Innovationen geöffnet werden. In der Umsetzung dieser Punkte sehen wir ein großes Potenzial für Genossenschaften für eine gemeinwohlorientierte Digitalisierung und das gemeinschaftliche Lösen gesellschaftlicher Herausforderungen. Die genauen Handlungsempfehlungen sind im aktualisierten Positionspapier aufgeführt.

Weiterführende Artikel:

IÖW: “Eine gemeinwohlorientierte Plattformökonomie aufbauen – aber wie?”

enorm Magazin: “Warum Genossenschaften die Zukunft gehört”

Internet Health Report 2019, Mozilla Foundation: “Was wäre, wenn Facebook seinen Nutzern gehören würde?”

Einige Praxisbeispiele für (digitale) Genossenschaften unter unseren Mitgliedern:

- WirGarten eG / Permagold eG (Landwirtschaft)

- WeChange eG (digitales Netzwerk)

- Fairmondo eG (Platform Coop)

- Cuckoo eG (New Work)

- Manemo eG / Chancen eG (Bildung)

- TRNSFRM eG (sozial-ökologisches Bauen)

Titelbild: Danke an John Snobrich @unsplash