Social Entrepreneurship in NRW - Landesregierung vor großer Chance

16.12.2019 | news

Soziales Unternehmertum ist weltweit auf dem Vormarsch, um gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen und die Art des Wirtschaftens auf eine neue Ebene zu bringen. In NRW ist noch viel Potenzial zu heben, wie eine Kleine Anfrage an die Landesregierung zeigt.

Nachholbedarf für Social Entrepreneurship in NRW!

Bereits um das Jahr 2000 hat die Bundesregierung das Thema Social Entrepreneurship erkannt, war allerdings bei der praktischen Unterstützung bislang nicht sonderlich aktiv, wie das kürzliche Update der Studie “The best Country to be a Social Entrepreneur” deutlich zeigt. Eine Reihe gesellschaftlicher Herausforderungen haben seit dem an Dynamik gewonnen: Klimawandel, demografischer Wandel und der digitale Strukturwandel sind nur drei Beispiele. Social Entrepreneurship setzt sich hier global immer mehr als Lösungsinstrument durch. Dies hat auch die Bundesregierung, fast zwei Jahrzehnte später, im aktuellen Koalitionsvertrag erstmalig bestätigt: „Social Entrepreneurship spielt bei der Lösung aktueller gesellschaftlicher und sozialer Herausforderungen eine zunehmend wichtige Rolle. Social Entrepreneurship wollen wir noch stärker als bisher fördern und unterstützen.“

Unzählige Studien machen unmissverständlich darauf aufmerksam, dass ein “weiter so” im klassischen Wirtschaften nicht mehr funktioniert und gleichzeitig ein Milliardenpotenzial in Social Entrepreneurship liegt. Daher hat sich 2017 die wachsende Szene hierzulande als Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND e.V.) organisiert - auch in NRW. Die Ergebnisse unseres 2018 erschienenen Deutschen Social Entrepreneurship Monitors bestätigen: Die Arbeit der Politik wird mit der Schulnote 4,6 bewertet und gleichzeitig wird eine „schwache Lobby“ als größte Herausforderung genannt.

In den Bundesländern Hessen, Bayern und Bremen wurde eine Unterstützung von #SocEnt in den Koalitionsverträgen fest verankert. Im Juni 2019 gab es dazu in NRW eine Kleine Anfrage mit dem Titel „Fliegen Social Entrepreneurs, Social Startups und Sozialunternehmen unter dem Radar der Landesregierung?“ Wir nehmen diesen Schriftverkehr als Anlass für eine kurze Bestandsaufnahme. Unsere Kommentare zu den Antworten der Landesregierung finden sich im PDF weiter unten.

Wo Nordrhein-Westfalen große Chancen hat

Zusammenfassend ist nicht ersichtlich, warum es in NRW weiterhin ein Randthema ist, die enorme Motivation und Einsatzbereitschaft der hiesigen Gründer*innen anzuerkennen, die bereits seit Jahren für Lösungen kämpfen, die mehr denn je gebraucht werden. “Soziales und ökologisches Unternehmertum darf kein Add-on sein, sondern wir brauchen klar definierte Aufgaben, spezialisiertes Personal und ausreichende Finanzmittel” - so auch in der Analyse der Antwort durch den Abgeordneten Matthi Bolte-Richter.

Ein Durchbruch hierzu ist nun Die NeueGründerzeit.NRW - diese beschäftigt sich in der vorletzten Säule “Umwelt- und soziale Aspekte im Gründungsgeschehen stärker berücksichtigen” mit unseren Themen. Es heißt: “Für sozial und ökologisch orientierte Gründerteams soll Nordrhein-Westfalen als attraktivster Standort gelten.” Weiter werden dort fünf Punkte aufgeführt, die zeigen, was das Land NRW für Gründer*innen sozialer und nachhaltiger Geschäftsmodelle tun möchte. Ganz im Sinne einer nutzerzentrierten Ausarbeitung (so lehrt man es ja auch Startups) sollte die Landesregierung nun zuallererst intensiv abfragen, wo unsere Mitbürger*innen die größten Herausforderungen sehen und was wir soziale und nachhaltige Gründer*innen in der Praxis wirklich brauchen, um diesen Herausforderungen effektiv zu begegnen. Es braucht ein soziale Innovationsstrategie für NRW, um zum Beispiel Strukturprobleme aufgrund des Kohleausstieges zu meistern. Wenn sich diese Lösungen bewähren, sind sie über die Landesgrenzen hinaus in Startup-Manier skalierbar - Impact made in NRW!

Die soziale Marktwirtschaft braucht neue Impulse. Hier darf unser Bundesland aktiv eine neue, soziale Gründerzeit einleiten: Wir überspringen die für unsere Gesellschaft nachteiligen Entwicklungsschritte des Wachstumszwangs und gestalten eine vielfältigere, neue und ausbalancierte Art des sozialen & ökologischen Wirtschaftens. Dazu zählen auch Versuche mit system-verändernden Ansätzen wie beispielsweise dezentrale oder Open-Source-Geschäftsmodelle, ein neues Verständnis von Management wie nach dem Leipziger Führungsmodell, die Förderung von Selbstorganisation und pluralem Wirtschaften sowie der Aufbau einer Gemeinwohl- oder Circular Economy. Hier muss nicht immer gleich groß und global gedacht werden - vielmehr braucht es schnelle und regionale Experimente bei überregionalen Erfahrungsaustausch. Dazu gehören spezifische Fortbildungen (ähnlich organisiert wie die Public Climate School von Fridays for Future), Freiräume für mutige Macher (ein Vorbild ist hier der Prototyping Fund für die Kreativwirtschaft des Bundes) und deren Befähigung durch Anerkennung, Sichtbarkeit und Augenhöhe.

Ein städtisches Beispiel setzt die Startup-Unit Wirtschaftsförderung der Stadt Düsseldorf. Gemeinsam mit dem Rheinlandpitch Social Impact Spezial hat sie sich für die Ausschreibung der European Social Economy Regions beworben. So konnte Daniel Bartel, eine Vertreter der Szene und Autor dieses Beitrags, zur internationalen Vernetzungswoche nach Brüssel reisen. Eine wichtige Möglichkeit um sich dort zu vernetzen und mehr Sichtbarkeit zu erlangen.

Dass NRW für Social Startups eine Vorreiterrolle spielen kann, wird auch dadurch deutlich, dass die meisten Teilnehmer*innen des Deutschen Social Entrepreneurship Monitors 2018 aus diesem Bundesland stammen. Mit der Ausrichtung der SEND-Mitgliederversammlung am 30.10. auf Einladung der Stadt Dortmund unterstrich auch der in Berlin ansässige Bundesverband die hohe Bedeutung Nordrhein-Westfalens. Anschließend konnten sich Organisationen und die öffentliche Hand über das Potenzial nachhaltiger Beschaffung austauschen und mit Kaufentscheidungen lokale Sozialunternehmen ganz konkret unterstützen. Auf der Podiumsdiskussion mit Sabine Poschmann MdB SPD, Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Minister für Wirtschaft, Innovation, Digiatilisierung und Energie des Landes NRW sowie Matthias Bolte, MdL NRW Bündnis90/Die Grünen wurde sichtbar, dass weiterhin keine Einigkeit über den Begriff Social Entrepreneurship herrscht. Wir plädieren daher dringend für die Klärung unter Berücksichtigung unserer Definition und den Arbeiten von Frau Dr. Prof. Christine Volkmann - damit wir ins Tun kommen! Heben wir diese Krisenchance gemeinsam.

Zusammenfassend fordern wir für NRW eine soziale Innovationsstrategie und dessen Koordination, die Öffnung bestehender Finanzierungs- und Förderprogramme, die Unterstützung zielgruppenspezifischer Programme sowie soziale Innovations- und Gründerzentren, die Experimentierräume für ein neues Wirtschaften zulassen.

Mehr dazu mit Praxis-Beispielen in diesem PDF: “Unsere Analyse der Antworten der Landesregierung”.

Die SEND-Community sowie NRWalley stehen für den erfolgreichen Wandel mit Tat und Rat zur Verfügung!

Melusine Reimers & Daniel Bartel

Soziale Unternehmerin und zweiter Landessprecher SEND e.V. in NRW

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