Hamburg. Hafen für Social Entrepreneurs?

10.12.2019 | news

Hamburg kann Hafen, Hamburg kann Medien, aber kann Hamburg auch soziale Innovation? Das war unsere Frage an die Fraktionsvorsitzenden bzw. Fachsprecher von SPD, Bündnis90/ GRÜNE und FDP sowie den Spitzenkandidaten der CDU für die Hamburgische Bürgerschaft.

Hamburg, 20. November 2019, Betahaus-Hamburg.

Unsere politischen Vertreter*innen machen sich warm für die Wahl zur Hamburgischen Bürgerschaft am 23. Februar 2020. Welche Schwerpunkte werden für die kommende Legislaturperiode gesetzt? Wir vom SEND (Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e.V.) sind überzeugt: Hamburg braucht (mehr) soziale Innovationen, um den gesellschaftlichen Herausforderungen wirkungsvoll zu begegnen.

Doch: Ist Hamburg ein attraktiver Hafen für Social Entrepreneurs und soziale Innovationen? Welche Rolle spielt die Förderung von sozialen und ökologischen Innovationen für die Hansestadt? Mit welchen Maßnahmen können soziale Innovationen und die Pioniere, die sie vorantreiben, in der Hansestadt gestärkt und verankert werden?

Gut 60 Vertreter*innen der Hamburger Social Entrepreneurship-Szene folgten unserer Einladung ins Betahaus Hamburg, um ins Gespräch zu kommen mit

  • Laura Haverkamp, Ashoka Deutschland gGmbH und SEND e.V.
  • Dirk Kienscherf, Fraktionsvorsitzender der SPD in der Hamburgischen Bürgerschaft
  • Michael Kruse, Fraktionsvorsitzender der FDP in der Hamburgischen Bürgerschaft
  • Dominik Lorenzen, wirtschafts- und hafenpolit. Sprecher der GRÜNE-Bürgerschaftsfraktion
  • Rose Volz-Schmidt, Gründerin und Geschäftsführerin wellcome gGmbH und ElternLeben.de
  • Marcus Weinberg, Hamburger und Altonaer Bundestagsabgeordneter und Spitzenkandidat der CDU für die Hamburgische Bürgerschaft

Eines wurde schnell klar: Alle Vertreter*innen sehen Handlungsbedarf und wollen mehr Raum und Förderung für Innovationen schaffen, die helfen gesellschaftliche Probleme zu überwinden – und mit ihnen die Menschen, die sie entwickeln und vorantreiben. Nur wie? Einige Ansatzpunkte haben wir konkret diskutieren können.

Der Stand – so sieht’s heute aus!

Fest steht: Will Hamburg im (inter)nationalen Vergleich aufholen, gibt es einiges zu tun. Im Juni 2019 gab die UK-Organisation NESTA erstmals den European Social Innovation Index heraus, ein Ranking von 60 europäischen Städten in Bezug auf die Rahmenbedingungen für soziale Innovationen und Social Entrepreneurs. Hamburg liegt hier auf Platz 42, deutlich hinter Berlin (17), München (25) und Stuttgart (41) (zur Methodologie).

Der erste Schritt ist getan: Positionen in den Wahlprogrammen

Alle vertretenen Parteien haben Social Entrepreneurship und die Förderung sozialer Innovationen in ihre Wahlprogramme aufgenommen (siehe unten). Die politischen Vertreter betonten im Betahaus, es brauche sinnvolle Strukturen und klare Schnittstellen, wie eine zentrale Stabsstelle, wo Fäden sowohl für Politik und Verwaltung als auch für Akteure aus dem Feld Social Entrepreneurship zusammenlaufen. Dirk Kienscherf betonte: „Wir brauchen Menschen mit der richtigen Mentalität, die Brücken bauen zur Verwaltung. Wir müssen Räume offenhalten, auch für Dinge, die nach einem Test nicht funktionieren.“ Auch Michael Kruse war dies wichtig: „Man darf nicht das Gefühl haben, man komme mit einer neuen Idee als Bittsteller zum Staat. Die Haltung muss die des Möglichmachens sein.“ Einig waren sich alle: Egal, was von städtischer Seite aus passiert – es muss in guter und enger Abstimmung mit der Praxis passieren. Als Vertreter*innen des SEND nehmen wir diese Einladung gern an!

Arnd Boekhoff Moderation Betahaus Hamburg

Eine Hausaufgabe haben wir auch mitgenommen, denn klar wurde: Die Sprache der Social Entrepreneurship-Szene ist nicht immer förderlich – zu Englisch, zu komplex, zu schwierig in der Abgrenzung. Als eine Aufgabe und ein Wunsch an die Social Entrepreneurship Szene wurde von den politischen Vertretern formuliert, gemeinsam die richtigen Worte zu finden, um das Potenzial von Social Entrepreneurship besser und breiter zu vermitteln und in gemeinsamem Handeln zu heben.

So könne man sich auf den Weg machen, in der nächsten Legislaturperiode eine soziale Innovationsstrategie für Hamburg auszuarbeiten, wie es einige Parteien fordern. Mit Akteuren aus der Szene kann auf den Weg gebracht werden, welche Formen und Formate der Vernetzung es braucht, welche Förderung und Begleitung, und wie eine gestärkte Schnittstelle zur Wissenschaft (Ausbildung und Transfer) aussehen kann.

Was Social Entrepreneurship umfasst

Die Diskussion hat auch verdeutlicht, das Social Entrepreneurship nicht homogen ist. Wichtig sei, so unterstrich Laura Haverkamp vom SEND, den ersten Blick auf Ziele und Wirkung einer Unternehmung zu lenken – und den zweiten auf Organisations- und Finanzierungsform sowie die unterschiedlichen Bedürfnisse, die daraus folgen.

Die Zielrichtung von Social Entrepreneurs ist es, mit neuen Ansätzen einen wirkungsvollen Beitrag für die Überwindung gesellschaftlicher Herausforderungen zu leisten – und das kann markt- aber auch sehr staatsnah passieren. Das kann in Form eines Social Start-Up sein, das innovative Produkte und Dienstleistungen anbietet – und zum Beispiel Perspektiven für nachhaltige Beschaffung öffnet. Gewinne werden hier, sofern vorhanden, reinvestiert in das Unternehmen (Social Business). Das kann aber auch eine gemeinnützig organisierte Unternehmung sein, die spenden- und fördermittel-finanziert einen neuen Weg gefunden hat, jugendliche Schulverweigerer zurück an das System Schule zu führen und so neue Perspektiven für Ausbildung und ein eigenständiges Leben zu schaffen. Und es gibt – auch das zeichnet die junge Social Entrepreneurship-Szene aus – viele Mischformen, in denen unterschiedliche Organisations- und Finanzierungsansätze die neuen Wege erst möglich machen.

Entscheidend, auch für die Abgrenzung, bleiben: Die gesellschaftliche Mission ist und bleibt erstes Ziel. Mit einem neuem Ansatz wird ein wirkungsvoller Beitrag geleistet, eine gesellschaftliche Herausforderung zu überwinden. Die Wirkung wird möglichst transparent beschrieben und evaluiert. Innovationskraft und unternehmerisches – heißt mutiges, in großen Zusammenhängen denkendes und kooperatives – Handeln zeichnen Social Entrepreneurs aus. So schaffen Social Entrepreneurs Neues (z.B. Märkte) und bringen das Potenzial mit, Vorhandenes (z.B. staatliche Hilfesysteme) grundlegend zu verbessern.

Die Bedürfnisse von Social Entrepreneurs sind vor diesem Hintergrund sehr divers: Während für die marktorientierten die Öffnung von Förderprogrammen für Existenzgründungen und Unternehmens-wachstum hilfreich wären, könnten die sozialstaatlich orientierten davon profitieren, wenn in Bereichen sozialer Dienstleistungen z.B. über Gutscheinsysteme wie bei der Kita in Hamburg den Empfänger*innen eine Wahl gegeben – und somit Wettbewerb im besten Sinne ermöglicht würde.

Es war ein spannender wie konstruktiver Abend! Wir von der SEND Regionalgruppe Hamburg danken allen Mitdiskutant*innen sehr und freuen uns schon auf die Koalitionsverhandlungen. Auf dass 2020 und die folgenden Jahre starke werden für soziale Innovationen und die Pioniere dahinter.

Social Entrepeneurship und soziale Innovation in den Programmen zur Bürgerschaftswahl 2020

SPD:

„Um das Innovationspotenzial unserer Bürgerinnen und Bürger zu entfalten, brauchen gute, gemeinwohlorientierte Ideen unsere politische Unterstützung. Wir werden innovative Social Entrepreneurs bei der Gründung und Weiterentwicklung fördern. Wir erarbeiten gemeinsam mit der Szene eine Social Entrepreneurship-Strategie, durch die soziale Unternehmen die Sichtbarkeit, Vernetzung, und Förderung erhalten, die sie für ein gemeinwohlorientiertes Wirken und Wirtschaften brauchen. So bringen wir innovative Ideen, kreative Köpfe und noch mehr gesellschaftlichen Fortschritt in die Hansestadt. Zudem unterstützen wir auf diese Weise neue Lösungen zum Erreichen der nachhaltigen Entwicklungsziele 2030 (SDGs) für Hamburg.“

Bündnis90/ Die Grünen:

„Die besonderen Rahmenbedingungen eines Stadtstaates bieten ein hervorragendes „Ökosystem“ für Gründer*innen. Dabei haben wir sowohl Gründungen aus den Hochschulen als auch Startups aus allen anderen Bereichen, und wir wollen noch eine Schippe drauflegen: Unser besonderes Augenmerk gilt Gründer*innen, die sich als Social Entrepreneurs explizit der Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen auf dem Weg zur sozial-ökologischen Wende widmen. Denn diese Pionier*innen gehen in der klassischen Gründer*innenförderung oft unter.

Wir wollen nach dem erfolgreichen Vorbild der Metropolregion Rotterdam/ Den Haag gemeinsam mit unseren Partner*innen in der Metropolregion Hamburg ein Northern Innovation Quarter gründen. Als Institution soll das NIQ gezielt zukunftsfähige – sprich ökologisch und sozial nachhaltige sowie gemeinwohlorientierte – Innovationen und Ausgründungen fördern. Dazu gehört Unterstützung bei der Beratung zu gesetzlichen Regulierungen, bei der Bildung von Netzwerken, der geeigneten Standortsuche, dem F&E-Matching, Investor Relations und der Einwerbung von Fördermitteln.“

[…]

„Wir treten dafür an, die gesellschaftlichen Mehrheiten für diesen ökologischen und sozialen Wandel in Hamburg zu gewinnen. Deshalb schaffen wir einen guten Nährboden und Experimentierräume für Innovationsimpulse von Social Entrepreneurs.

Mit dem Cluster nachhaltige Unternehmen die öko-soziale Marktwirtschaft voran bringen

Wo Menschen für sich und andere fair entlohnte und sichere Beschäftigung schaffen, leisten sie einen wichtigen Beitrag zu unserer Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk verdienen dabei die Unternehmen, die an der sozial-ökologischen Wende unserer Gesellschaft mitarbeiten: die Ökostrom, Bio-Bier, Ridesharing-Apps oder kooperative Plattformen herstellen, die genossenschaftlich wirtschaften, Festivals ohne Abfallberge organisieren, mit EMAS oder Green Globe Siegel Tourist*innen beherbergen, Social Entrepreneurs beflügeln oder ethische Geldanlagen ermöglichen. Sie sind keine Nische, sondern die neue Normalität. […] Deshalb wollen wir in der nächsten Legislaturperiode ein „Cluster Nachhaltige Unternehmen“ gründen, in dem die vielen Hamburger Betriebe sich vernetzen können, die bereits auf dem Feld öko-sozialer Marktwirtschaft, circular and fair sharing economies und Gemeinwohlökonomie wirtschaften. Aus dem neuen Cluster soll eine Innovationsstrategie für die sozial-ökologische Wende Hamburgs entstehen. […]

CDU:

„Soziale Probleme neu lösen – Social Entrepreneurship fördern

Das soziale Unternehmertum beziehungsweise Social Entrepreneurship unterstützt die Gesellschaft bei der Lösung sozialer Probleme. Immer mehr Start-ups engagieren sich in diesem Bereich. Wir wollen die Rahmenbedingungen in Hamburg für Sozialunternehmen stärken. Mit einer städtischen sozialen Innovationsstrategie soll ein Netzwerk und ein regionales Innovationszentrum aufgebaut werden. Eine Stabsstelle „Social Entrepreneurship“ und eine „Transferagentur“ soll die Aktivitäten bei Fragen von Beratung und finanzieller Unterstützung koordiniert unterstützen. Ein vertieftes Studienmodul „Social Entrepreneurship“ an der Universität Hamburg soll aufgebaut werden.“

FDP

„Das „Sozial“ in Soziale Marktwirtschaft stärken – Hamburg unterstützt soziale Entrepreneure

Als Liberale stehen wir dafür ein, optimale Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln zu schaffen und ein Zuviel an Regulierung, Einmischung und Eingriffen in den Markt zu verhindern. Diese Grundsätze gelten auch und gerade für soziales Unternehmertum (Social Entrepreneurship). Soziale Entrepreneure setzen sich für die Lösung gesellschaftlicher Probleme und die Erfüllung gesellschaftlicher Aufgaben ein.

Sie agieren häufig in Bereichen des Marktversagens und finanzieren sich deshalb zumindest teilweise durch öffentliche Fördermittel und/oder Spenden. Anders als öffentliche Anbieter denken und handeln soziale Entrepreneure jedoch nach unternehmerischen Prinzipien. Dadurch sorgen sie für ein vielfältiges Angebot und sind ein wichtiger Motor für Innovationen im sozialen Sektor.

Social Entrepreneurship durch eine leistungsstarke Infrastruktur zu fördern und zu unterstützen ist deshalb ein erklärtes Ziel der Hamburger Freien Demokraten. Um das zu erreichen, wollen wir eine städtische soziale Innovationsstrategie ausarbeiten, den Aufbau eines regionalen Innovations- und Vernetzungszentrums unterstützen, mittels dessen sich soziale Entrepreneure untereinander und mit anderen wichtigen Akteuren wie z.B. Wohlfahrtsverbänden vernetzen können, in der Wirtschaftsbehörde eine feste Zuständigkeit für „Social Entrepreneurship und soziale Innovation“ einrichten, die als Ansprechpartner für soziale Entrepreneure agiert, eine Kampagne unterstützen, die soziale Entrepreneure als Vorbilder für unternehmerisches Handeln mit gemeinwohlorientierter Wirkung sichtbar macht, einen Runden Tisch etablieren, der Stiftungen, Förderer und Investoren zusammenbringt, um soziale Innovationen zu fördern, bestehende Angebote der finanziellen und beratenden Gründungs- und Wachstumsförderung auf soziale Entrepreneure ausweiten, junge Menschen durch besondere Angebote im Rahmen der schulischen und universitären Ausbildung sowie der Berufsorientierung für Social Entrepreneurship interessieren und begeistern.“

Die Linke:

„Mit unserem Vorschlag für ein Hamburger Cluster - Soziale Dienstleistung schaffen wir einen Gegenpol zur einseitigen auf internationalen Wettbewerb setzende Wirtschaftsförderung des Hamburger Senates. Soziale Dienstleistungen sind personenbezogene Dienstleistungen, die die Bedürfnisse der Einzelnen in den Bereichen Kinderbetreuung, Bildung, Pflege und Wohlfahrt betreffen.

Der demographische Wandel mit einer alternden Bevölkerung, gepaart mit einer steigenden Bevölkerungszahl in den Städten, lassen die sozialen Dienstleistungen zu einem erheblichen Faktor für Arbeit und Lebensqualität werden. Ohne staatliche Unterstützung, stünden soziale Dienstleistungen nur einem kleinen Kreis wohlhabender Personen zur Verfügung. Diese dürfen nicht dem freien Markt überlassen werden. Somit erfordert deren Hervorbringung umfangreiche Investitionen in die Infrastruktur, Ausbildung und Entlohnung der Beschäftigten. […]

Wir wollen auch in der Wirtschaftsförderung neue Wege anbieten und werden uns dafür einsetzen, dass in die Wirtschafsförderungspolitik auch die Gründung von Genossenschaften und alternativer Unternehmensformen des solidarischen Wirtschaftens mitberücksichtigt werden. Wir setzen uns dafür ein, dass die Vergabe von öffentlichen Aufträge an die Tarifbindung der Firmen gekoppelt wird.

Die soziale Situation der Kleinstunternehmen und Soloselbstständigen muss dringend verbessert werden. Wir möchten für diese ein eigenständiges und niedrigschwelliges Beratungs- und Förderangebot schaffen.“