Social Entrepreneurship - Entstehung und Definition

01.10.2019 | news

„Alle Probleme, die mit der Frage nach der Definition und ihrer Stellung bei der Darstellung einer Wissenschaft enger zusammenhängen, befinden sich in einem weniger erfreulichen Zustand (Walter Dubislav, 1931)“.

Auch wenn Herrn Dubislavs Interesse an moderner Logik und Axiomatik sicherlich einen anderen Ursprung hatte, fasst sein Kommentar den Diskurs über die große Frage „Was ist Social Entrepreneurship?“ bestens zusammen. Ein Großteil der Diskussionen über den Sektor sind in den letzten Jahren nämlich nicht etwa an inhaltlichen Fragen gescheitert, sondern an der Uneinigkeit darüber, wovon hier eigentlich die Rede ist. Statt sich mit konkreten Herausforderungen und der Entwicklung von Lösungsansätzen zu beschäftigen, endeten viele Gespräche mit Politiker*innen und anderen externen Stakeholdern mit der immer gleichen Frage: „Was ist Social Entrepreneurship?“

Als Anlaufstelle für das Thema in Deutschland war immer klar, dass SEND sich mit dieser schwierigen und vor allem sehr aufgeladenen Frage auseinandersetzen musste. Im Alltag wurde das Projekt immer wieder vertagt, zu groß schien die Aufgabe, als dass man sie neben den vielen anderen To-Do’s hätte erledigen können. Da traf es sich gut, dass ich lange Zeit das Leben einer Doppelagentin leben durfte: als Community Managerin bei SEND und als Studentin an der TU Berlin. Letztere Rolle war eigentlich nur noch eine Formalität, einzig das Verfassen einer Abschlussarbeit fehlte noch, um die wissenschaftliche Welt endgültig zu verlassen (zumindest in meiner damaligen Funktion). So nahm ich mich schließlich der herausfordernden Frage, wie wir Social Entrepreneurship definieren, an.

Anfangs hatte diese Angelegenheit erstaunlich wenig Berührungspunkte mit dem sonstigen Alltag bei SEND. Ich wälzte wissenschaftliche Publikationen zu den Ursprüngen der Bewegung, stellte mich der Frage, welche Besonderheiten es in Deutschland zu beachten gibt und rieb mich an Details wie der Unterscheidung zu angrenzenden Sektoren wie Sustainable Entrepreneurship. Nach dem Abschluss meiner Literaturrecherche war es jedoch an der Zeit den Blick für die Praxis wieder zu öffnen – unsere Definition sollte ja schließlich anschlussfähig sein und die Ansichten der Akteur*innen des Sektors angemessen abbilden. So begann der Teil, den alle mit Spannung erwartet hatten: die empirische Forschung. Auch wenn die Frage „Was ist Deine Definition von Social Entrepreneurship?“ harmlos klingen mag, so waren wir doch sehr gespannt auf die Ergebnisse. Würden die Meinungen sehr stark auseinander gehen? Würden sich bestimmte Lager bilden? Wo könnten die größten Streitpunkte liegen und wo würde Konsens herrschen?

Einige der Ergebnisse sorgten im Team für Überraschung. So waren etwa die Antworten zur Frage der Gewinnverwendung erstaunlich einheitlich, was wir auf Grund vorhergegangener Diskussionen nicht erwartet hätten. Andere Resultate, wie die Bedeutung der Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen hatten wir ohnehin angenommen und in der Befragung lediglich eine Bestätigung unserer Annahmen gesucht. Schnell wurde auch ersichtlich, dass mit der vorliegenden Arbeit zwar ein Grobkonstrukt für die Frage der Definition erstellt werden konnte, konkretere und greifbarere Charakteristika aber weiterhin fehlten. Fragen wie „Was sind gesellschaftliche Mehrwerte?“ oder „Wie kann man diese messen?“ blieben ungeklärt.

Meine Rolle als Studentin hatte ich zu diesem Zeitpunkt abgelegt – der Umfang meiner Forschungsarbeit drohte ohnehin schon den Rahmen zu sprengen und so gab ich meine Abschlussarbeit im Frühjahr dieses Jahres mit gemischten Gefühlen ab. Ich war froh den Spagat zwischen Theorie und Praxis geschafft zu haben und stolz ein wissenschaftliches Fundament für den Social Entrepreneurship Sektor geschaffen zu haben. Gleichzeitig war mir aber auch bewusst, dass meine Aufgabe noch nicht erledigt war – als nächstes mussten die gewonnenen Erkenntnisse mit den Akteur*innen der Praxis geteilt und weiter konkretisiert werden. Glücklicherweise gab es eine Vielzahl an freiwilligen Expert*innen, die bereit waren, mich bei diesem Prozess mit ihrem Erfahrungsschatz zu unterstützen. Hierzu zählten neben dem engagierten Vorstand von SEND vor allem Dr. Florian Hoos (ehemaliger Leiter des Centre for Entrepreneurship der TU Berlin und Professor an der HEC Paris), Ignas Bruder (wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU Berlin), Katharina Scharpe (Projektassistentin bei SEND) und Michael Wunsch (Leiter des Social Impact Labs Frankfurt und Verantwortlicher für wissenschaftliche Kooperationen bei SEND). Ihnen soll an dieser Stelle besonders dafür gedankt sein, dass sie sich gemeinsam mit mir dafür eingesetzt haben eine Definition zu erarbeiten, von der wir mit gutem Gewissen sagen können, dass sie aus dem Sektor selbst stammt.

Wir hoffen, dass mit dieser Publikation die Frage nach dem „Was ist das?“ künftig schnell geklärt ist und wir uns dem widmen können, was uns alle antreibt: die Suche nach Lösungen für die großen gesellschaftlichen Herausforderungen unsere Zeit und das Streben nach einer Welt, in der alle vom Fortschritt profitieren.

Hier geht es zur Publikation „Social Entrepreneurship - Entstehung und Bedeutung“.